Alex Gfeller ist in Bern aufgewachsen und lebt in Biel.
Sein Grossvater, ausgewandert nach Australien und zurückgekehrt über England, wo er durch geschickte Grundstückgeschäfte wohlhabend geworden ist, eine Familie gegründet hat und dann in sein geliebtes Heimatdorf in der Schweiz zurückgekehrt ist. Der Bruder seines Grossvaters ist der Erfinder von „Fabelhaft ist Apfelsaft“. Seine Eltern trafen sich beim ausgelassenen Tanzen in Zürich und kurze Zeit später erblickte der heutige Schriftsteller, Theaterstück- und Spielfilmschreiber Alex Gfeller die Welt. Mit vierzehn Jahren beschloss der Jüngling Schriftsteller zu werden, weil er schon damals gute Schriftsteller rundweg als die kompetentesten Leute erachtete, die eine Gesell- schaft aufweisen kann; das denkt er noch heute. Als ihm seine Mutter ganz unerwartet eine mausgraue Hermes Baby kaufte, war dies ein deutliches Zeichen. Die ausführliche Biografie mit Fotos auf www.alexgfeller.ch
Katalog Gesamtausgabe Alex Gfeller Im Katalog sind die 40 Jahre Literatur von Alex Gfeller zusammengefasst mit Kurz- informationen und Leseproben. Die Leseproben sind auch auf www.cwpromotion.ch online zu lesen.
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MARTHE LOCHER Die Sicht einer jungen Frau. Der Versuch, ein Frauenbuch zu schreiben. Die soziale Stellung und ihre Unveränderbarkeit. Zweite, überarbeitete Fassung 2010. 676 S. 41.90 € 65.90 Fr. ISBN 978-3-8391-8048-8
Textanfang: Du kannst hier anhalten, ja, hier. Wir brauchen nur um die Ecke zu gehen, dann sind wir schon bei mir. Es ist ein bisschen finster; jemand hat die Straßenlampe kaputt geschlagen. Aber das ist schon lange so, und von der Stadt ist noch niemand gekommen, um sie zu reparieren. Es soll sowieso alles abgerissen werden, das ganze Haus hier, das ganze Quartier. Da brauchen sie nicht noch extra die Straßenlampe zu flicken. Alles ist bau- fällig; manchmal geht sogar der Strom aus, oder das Gas. Seitdem die Italiener und die Spanier weg sind, will hier niemand mehr wohnen. An den Häusern ist, glaube ich, seit dem Krieg nichts mehr gemacht worden. Du musst dich am Gerümpel im Treppenhaus nicht stören. Da wohnt noch eine alte Frau, die sammelt allerlei Zeug und stellt es nach- her hier ab. Ich weiß nicht, wofür sie es braucht, sie hat es mir nie sagen wollen. Ich wohne ganz oben. Direkt unter dem Dach. Eigentlich hätte ich vorausgehen sollen, um etwas Ordnung zu machen. Ich habe schon eine Ewigkeit nicht mehr aufgeräumt bei mir. Manchmal packt es mich, dann putze ich die Wohnung in einem Atemzug. Darauf reicht es wieder für eine Weile. Ich habe eine Menge Krimskrams, der sich angesammelt hat. Da kommt man mit Ordnung machen nirgends hin. Das Plakat ist von einer Ausstellung von Dalí. Es hat mir damals sehr gefallen, weil es mich immer an meine eigenen komischen Träume erinnert hat. Aber jetzt gefällt es mir nicht mehr; ich habe fast Angst davor. Darum habe ich es außen an die Türe geheftet, zur Abschreckung.
Pass auf, wenn du eintrittst! Im Korridor habe ich Wäsche aufgehängt. Ich kann sie sonst nirgendwo aufhängen. Doch, ich könnte sie vor dem Fenster aufhängen, aber da hat es nicht viel Platz. Wenn ich viel Wäsche habe, muss ich sie hier im Korridor auf- hängen. Ich kann sie draußen oder im Keller nicht mehr aufhängen, sonst stiehlt mir einer meine Unterhosen und Büstenhalter, und sogar auch die Strümpfe. Einer, der daran Freude hat. Es hat eine Weile gedauert, bis ich es überhaupt gemerkt habe. Ich habe immerzu in den Schrank geguckt und gedacht: Ich habe doch mehr von dem Zeug? Wo ist das nur geblieben? Einmal sind mir sogar zwei Leintücher von der Leine geklaut worden, da habe ich endlich gemerkt, dass auch meine Unterwäsche so verschwindet.
HARALD BUSER Der junge Mann als Verweigerer. Das Leben als Rückzugsgefecht. Die Gesellschaft als versteckter Feind. Die Selbstverteidigung als Notwendigkeit. Zweite, überarbeitete Fassung 2010. 676 S. 41.90 € 65.90 Fr. ISBN 978-3-8391-8048-8
Textanfang: Rote Strümpfe! Meine Nerven, richtig rote Strümpfe! Es ist zwar peinlich, der Frau auf die Beine zu starren, das tut man nicht. Doch als sie herein kam, hat Buser die roten Strümpfe nicht gleich bemerkt. Sie trug diese hohen Naturlederstiefel, wie sie gegen- wärtig in allen Klamottenläden und Schuhgeschäften angeboten werden, und dazu den langen, ausgeleierten, schwarzen Pelzmantel von der Tante aus Sion, dazu natürlich diese unvermeidlichen, selbst gestrickten Handgelenkwärmer aus einer südamerikani- schen Luxuswolle und die kecke Mütze in Gelb und Rot mit dem Silberfaden drin.
Tschau. Tschau. Jetzt dieses aufgefrischte Tschau und der prüfend-herzliche Blick. Frauen können blicken! Buser muss sich im Geiste die Augen reiben; es verschieben sich Konturen. Warum schaut ihn die Frau so examinierend an? Schaut sie alle Männer so an?
Buser ist geil, ist scharf auf sie, und nun kommt sie also zu Besuch, wie wenn sie das schon immer getan hätte, zieht sogleich die Stiefel aus und setzt sich unbekümmert auf die Matratze am Boden neben der Stereo-Anlage. Da will er sie sowieso haben, genau da, und jetzt bemerkt er die roten Strümpfe.Ja, was soll’s denn sein? stottert er. Kaffee hat er, auch Tee, oder Rotwein, Pastis, Mineralwasser oder Orangensaft. Er hat nämlich vorgesorgt. Er will nicht als Habenichts da stehen.
2. Die Romane
DOPPELGÄNGER Was wäre, wenn. Die Wegkreuzungen des Lebens, für einmal fortgeschritten bis hin zum Gespaltensein. Der Künstler und der Bünzli im zweifelhaften Duett. Zweite, überarbeitete Fassung 2010. 172 S. 15 € 25.50 Fr. ISBN 978-3-8391-6897-4
Textanfang: Zu bestimmten Jahreszeiten trinke ich lieber Whisky als Wein. Ich weiß, woran es liegt: an der Last der Neuigkeiten. Im Frühjahr und im Sommer sind Nachrichten gleich welcher Art ziemlich belanglos; im Spätherbst werden dieselben Neuigkeiten – es sind ja immer dieselben widerlichen News - allmählich unerträglich. Sobald ab Mitte Oktober die Weihnachtsanzüglichkeiten in Form von pädophilen Annäherungsversuchen einsetzen und die Kinder – alle Kinder – plötzlich ganz aufmerksam werden, haut’s mich jedesmal um. Ich wechsle vom üblichen Pinard zu Johnny Walker, Jack Daniels oder John Ballan- tine. Da bin ich nicht mehr wählerisch; nur scharf muss das Zeug sein. Also hänge ich mich an die lange Bar des „Cardinal“ und starre hasserfüllt in den feierabendlichen Ver- kehr hinaus. Ich möchte zwar nicht anderswo sein, wie viele Leute, denn anderswo ist es nicht besser, doch hier möchte ich auch nicht sein. Ich möchte für eine ganze Weile über- haupt nirgendwo sein.
Ich habe in diesen Zeiten gar nicht das Gefühl, irgendwo dazu zu gehören, und ich weiß schon lange nicht mehr, ob ich überhaupt noch irgendwo hinzu gehöre. Alles wird mir fremd; da wird mir selbst die Muttersprache lästig, aber auch das Sprechen überhaupt und das Schreiben sowieso. Wenn also einer auftaucht und sagt: Ciao, wie geht’s?, bin ich bereits maßlos überfordert. So ist das; da kann ich nichts dagegen tun. Ich bin bereit alle Schwächen dieser Welt zuzugeben. Auf der Stelle. Alle meine Eitelkeit ist im Eimer. Nur hilft mir das nichts. Ich kann dann jeweils nichts mehr an mir entdecken, was mir noch passt, und das wiegt schwer. Ich gebe immer den andern die Schuld, und zwar hemmungslos, denn eigentlich bin ich ein fröhlicher Typ und ziemlich oberflächlich.
So klaube ich belämmert und mit ungelenken Fingern einen Eiswürfel aus dem Whisky- glas und drücke ihn an meine Stirn, bevor ich ihn angewidert im Mund zergehen lasse. Ich weiß, dass ich blockiert bin; seit Wochen habe ich nichts mehr auf das Papier bringen können, weil ich wieder einmal nicht mehr weiß, wozu ich diese Anstrengung überhaupt auf mich nehmen sollte. Nicht, dass es mir an Stoff fehlte, das ist überhaupt noch nie vorgekommen, auch die notwendige Lust wäre absurderweise reichlich vorhan- den – wie immer. Es ist, als blicke ich im falschen Moment von der Schreibmaschine hoch, und wie ein Hammer knalle mir die Einsicht in die Fresse, dass das, was ich schreibe, etwas mit all den Deppen zu tun hat, die draußen frei und ungestraft herum latschen. Diese Einsicht ist mörderisch, denn genau genommen liebe ich nur mich sel- ber, und wenn ich tot sein werde, wird es in diesem Land und auf dieser Welt niemanden mehr geben, den oder die ich wirklich mag, mich selber mit eingerechnet. In diesem Sinne wäre mir der Untergang der Welt völlig wurst.